Meine Wahrheit - Deine Wahrheit

09.07.2026

"Es sind nie die Tatsachen, die uns beunruhigen und ärgern, es sind immer unsere eigenen Bewertungen." 

Marshall B. Rosenberg

Mich beschäftigt ein Thema. Ich habe entschieden, dass ich dazu schreiben möchte (zur Info: komplett ohne KI):

Das Zitat zeigt wahrscheinlich schon, in welche Richtung es geht. Ich erlebe immer wieder, dass in der Kommunikation zwischen uns Menschen etwas dazwischen steht, was es schwer macht, dass wir in Verbindung kommen. Gleichzeitig weiß ich aus Erfahrung und durch mein Wissen beim Thema Kommunikation, dass das Beseitigen dieses Hindernisses nicht allzu schwer ist, wenn wir etwas ganz entscheidendes lernen und verinnerlichen:

meine Wahrheit - deine Wahrheit

Darum geht es: Interpretation, Bewertung und Gedanken über eine Situation oder Gesagtes, dass wir dann als unsere Wahrheit sehen:

"Ich sehe es, ich höre es, ich weiß, dass meine Sicht die Wahrheit ist!"

Diese Wahrheit führt zu unseren Gefühlen, wie z.B. Wut, Ärger, Enttäuschung, Schock, Frust, Fassungslosigkeit.... Daraus entstehen Handlungen, wie

  • "Mit dem/der rede ich nicht mehr"
  • "Den stelle ich zu Rede!" mit der Haltung: "Ich weiß, dass ich Recht habe!"
  • Rückzug, weil der andere mich so sehr verletzt hat
  • Rückzug, weil der andere mich eh nicht versteht
  • "Dieses Verhalten geht gar nicht, das ist respektlos. Das wird Konsequenzen haben!"
  • Schuldverteilung: "Der andere ist Schuld, dass es mir schlecht geht."
  • "schmollen"
  • ausgrenzen
  • beschimpfen
  • sich `klein machen`
  • den anderen `klein mache`
  • "Mit dem arbeite ich nicht, weil derjenige mir Angst macht."
  • Kritik
  • "Ich gebe jetzt sicher nicht klein bei."
  • "Der/die hat sich doch nicht mehr alle."
  • Als dritter (Unbeteiligter): Partei ergreifen (nur eine Seite gehört)
  • Als dritter (Unbeteiligter): mitschimpfen
  • Gedankenspirale: alles noch schlimmer denken
  • sich reinsteigern
  • ...
Das Ergebnis: Innerliche Trennung, Verlust der Verbindung, Verlust der Menschlichkeit und Empathie, Verlust des Interesses an einem Gesprächs, wir drehen uns nur noch um unsere Wahrheit u.v.m.
Mich stimmt das traurig, weil ich es so schade finde. Es geht so viel verloren, wenn wir so fest von unserer Wahrheit überzeugt sind, welche ja nur eine Vermutung, eine Perspektive von vielen ist, eine Meinung, nur eine Seite des Ganzen ist. Ich erlebe immer wieder, dass zwei Menschen es nicht schaffen aufeinander zu zugehen, um sich zu zuhören.
Kennst du diese Übung:

Nimm ein Blatt und schreibe die Zahl 6 darauf. Zwei Personen: setzt euch gegenüber und das Blatt mit der Zahl zwischen euch auf den Boden, so dass der eine die Zahl 6 von sich aus lesen kann. 

Was sieht der andere, der gegenüber sitzt? 

Jetzt versucht jeder den anderen (ohne den Platz zu wechseln) von dem zu überzeugen, welche Zahl er  sieht...

Unmöglich, gell. Was hilft ist: "Ich sehe eine 6 und ich höre von dir, dass du eine 9 siehst. Das erkenne ich an. Meine Wahrheit - Deine Wahrheit."

Ich mache diese Übung z.B. auch in Schulen oder in Kursen für Erwachsene, weil diese Übung so eindrücklich ist, um aufzuzeigen, aus welchem Grund wir uns in Konflikten teilweise so verfahren und gleichzeitig davon überzeugt sind, dass wir Recht haben.

"In einem Konflikt verwenden beide Parteien normalerweise viel Zeit darauf, beweisen zu wollen, dass sie Recht haben und die andere Seite unrecht, statt auf die eigenen Bedürfnisse und die des Gegenübers zu achten."

Marshall B. Rosenberg

Es mag immer wieder herausfordernd sein, die Perspektive des anderen einzunehmen, gleichzeitig ist das aus meiner Sicht elementar, damit wir wieder in Kontakt kommen. Ich meine damit nicht, dass ich mit jedem Menschen wieder in Kontakt kommen muss. Ich meine die Menschen, die uns am Herzen liegen oder in unserem Leben eine wichtige Rolle einnehmen.

Es ist tragisch, dass wir - also die meisten von uns - mit einer Kommunikation beschenkt wurden, die uns  nicht  gezeigt hat, wie wir mit Situationen so umgehen können, dass es uns selbst UND unserem Gegenüber gut geht. Wir uns auf Augenhöhe begegnen, Interesse für die Seite des anderen - dessen Wahrheit - haben und uns wohlwollend begegnen - eben ohne den anderen zu verurteilen oder zu bewerten. 

Ich bekommen Konflikte mit, in denen ich Potential sehe, zusammen zu finden und sehe gleichzeitig die Menschen in den Konflikten, wie jeder versucht gehört und gesehen zu werden.

"Bei einem Streit ist auf beiden Seiten der Wunsch gleich groß ernst genommen zu werden."

Marshall B. Rosenberg

Ich selbst habe erst durch die Gewaltfreie Kommunikation und weiteres angeeignetes Wissen sowie Üben Üben und Üben gelernt, anders zu kommunizieren oder zumindest den 1. Schritt der GFK anzuwenden:

die Beobachtung

Das bedeutet: Was sehe ich, was höre ich ohne Bewertung und Interpretation. ZDF = Zahlen, Daten, Fakten oder:

Was sehe ich, was jeder andere auch sieht? Was höre ich, was jeder andere auch hören würde?

So sind wir nicht aufgewachsen. So tickt unsere Gesellschaft nicht. Ganz gleich, wo ich hinschauen und hinhöre: es wird bewertet, verurteilt, interpretiert und Meinungen als Wahrheit wahrgenommen oder verkauft. Das schafft tag ein, tag aus Konflikte und Missverständnisse. Wir verlieren die Menschlichkeit und das Vertrauen, dass wir gesehen, gehört und ernst genommen werden.

Es verhindert Frieden ins uns, mit anderen und in der Welt als Gesamtes.

Das ist zumindest meine Wahrnehmung und mein Erleben.

Es ist menschlich, dass wir erstmal bewerten und einsortieren. Das ist wichtig, weil es uns Menschen Sicherheit gibt und uns somit in gewissen Situationen Schutz erfüllt.

Allerdings scheitern wir häufig dadurch kläglich im Fach Menschlichkeit, Akzeptanz und Wertschätzung des Menschen an sich. Deshalb ist es für mich so wichtig, dass ich - nachdem mein Gehirn bewertet und vielleicht auch verurteilt hat - mir eine Pause zu gönnen und zu erlauben. Diese Pause zu nutzen, um einen Schritt zurückzugehen (oder z.B. ein Schluck Wasser zu trinken) und das Ganze nochmal aus der GFK Brille (Beobachtung) zu betrachten: Was habe ich gehört? Was habe ich gesehen? ZDF - Zahlen Daten Fakten.

Das kann auch erst nach einer herausfordernden Situation passieren. Wir sind Menschen und schießen manchmal übers Ziel hinaus. 

Danach können wir reflektieren, uns selbst Empathie schenken oder uns von einem anderen Menschen außerhalb der Situation Empathie schenken lassen. Danach können wir wieder in Verbindung gehen und zwar mit dem offen Herzen: 

"Ich sehe dich - ich sehe mich. ich möchte, dass es mir gut und ich möchte, dass es dir gut."

Die Wahrheit gibt es nicht - außer z.B, in der Mathematik ;-). Wir sind individuell. Wir tragen unterschiedliche Lebensschuhe, die nur von jedem individuell geprägt sind.

Es ist immer wieder berührend, Menschen zu zuhören, warum sie so und so gehandelt oder gesprochen haben. Welche Gründe es gibt. Es ist für mich auch überraschend, welche Wege Menschen gehen, um sich ihre ihnen wichtige Bedürfnisse zu erfüllen und ich bin erstaunt, wie individuell diese Wege/Strategien sind. 

Gleichzeitig bin ich erschüttert, das wir Menschen so wenig gelernt haben, wohlwollend zu kommunizieren oder nachsichtig sind, wenn jemand es nicht schafft, wohlwollend zu kommunizieren.

Jeder von uns benötigt diese Nachsicht in bestimmten Lebensphasen oder Momenten. Vor allem brauchen wir Menschen so dringend die Möglichkeit zu zeigen, dass wir Gründe hatten, warum wir gerade nicht so kommunizieren konnten, wie wir es oft selbst gerne würden. 

Wir dürfen in dem Bereich Kommunikation aus meiner Sicht sehr viel lernen, wenn wir uns Menschlichkeit und Verbindung wünschen.

"Die Schönheit in einem Menschen zu sehen ist dann am nötigsten, wenn er auf eine Weise kommuniziert, die genau das am schwierigsten macht".

Marshall B. Rosenberg

Wir sind schnell dabei, "den Fehler" beim anderen zu suchen. Ich denke, es geht nicht um Fehler oder Schuld. Ich bin der Meinung, dass es um Menschlichkeit geht. Wir sind Menschen mit Herz und Verstand. Wenn wir es schaffen in die Haltung zu kommen, dass der andere keine böse Absicht hatte, der andere nicht den Wunsch hatte, dass es uns schlecht geht (in den aller allermeisten Fällen!), dann können wir es schaffen friedvoller mit uns umzugehen. 

Wir sind nicht auf die Welt gekommen, um zu streiten, uns schlecht zu machen oder böses zu wollen. Wir sind auf die Welt gekommen, jeder mit seinem Herzen in sich, um mit diesem Herzen zu sehen und uns zu verbinden.  

Ja, das ist - vor allem im Moment - teilweise schwer zu glauben und es ist vielleicht auch schwer zu erfüllen - bei dem ein dem anderen Menschen oder in einer bestimmten Situation. 

Die Frage lautet für mich: 

Was möchte ich?

Verbindung                                  oder                                   Trennung

mit demjenigen. Manchmal ist es nicht wichtig, ob meine Wahrheit die Wahrheit ist, ob ich Recht habe oder nicht. Manchmal ist es einfach wichtig eine Entscheidung zu treffen: Will ich diesen Konflikt weiter(er)tragen oder mag ich in mich gehen - diesen Schritt zurück - und die Situation neu betrachten und den Mut fassen, es zu wagen mich zu zeigen und auch dem anderen zuzuhören?

"Du kannst Dich jeder Zeit entscheiden, wie Du die Worte Deines Gegenübers aufnimmst, die Macht liegt bei Dir." 

Marshall B. Rosenberg

Ja, das ist so: wir treffen im Gehirn die Entscheidung. Diese können wir bewusst treffen. Denk mal an eine Situation, in der du nicht mehr in Kontakt gekommen bist oder gehen konntest. Kann es sein, dass jemand anderes diese Situation vielleicht anders bewertet hätte? Sie anders empfunden hätte? Jeder Mensch hat seine Filter durch die Situationen und Gehörtes gehen. Deine Wahrheit ist niemals DIE Wahrheit.

! 11 Millionen Bit/s (viuselle) Sinneseindrücke verarbeitet unser Gehirn. Gerade mal 40-60 Bit/s davon nehmen wir bewusst wahr. (Quelle: Tor Norretrandes - The User Illusion -  1998 - grobe Schätzungen! Genau Zahlen gibt es (noch) nicht)

Wenn ich diese Zahlen lese muss ich fast lachen, wie sehr wir Menschen immer wieder von unserer Wahrheit überzeugt sind ;-). Natürlich können wir das nicht 1:1 übernehmen. Ich möchte einfach mal aufzeigen, wie wenig eine Wahrheit der anderen gleicht. Zu der gehirntechnischen Ausgangssituation kommen auch noch unsere persönlichen Filter dazu, die wir uns während des Laufs unseres Lebens angeeignet haben. Unsere Lebensschuhe haben uns geprägt und prägen uns. Manche sind mehr, manche weniger ausgelatscht. Je nachdem, was wir schon alles für Erfahrungen gemacht haben.

Wäre es nicht an der Zeit unsere Individualität (an-) zu erkennen und jeden mit seinen Facetten annehmen, wie derjenige ist? Uns mit Neugierde und Interesse begegnen: 

Was war dein guter Grund so zu handeln?

Wie können wir wieder in einen guten Kontakt kommen?

Damit meine ich vor allem mit für uns wichtige Menschen oder mit Menschen, die unser Leben begleiten oder denen wir öfter begegnen. 

"Es sind nie die Tatsachen, die uns beunruhigen und ärgern, es sind immer unsere eigenen Bewertungen."

Marshall B. Rosenberg

Vielleicht hilft ab und an die Frage: Welche Brille habe ich gerade auf?

Die Brille, 

dass der andere Schuld ist, dass es mir schlecht geht?

Die Brille,

dass ich nicht das Problem bin, sondern der andere?

Die Brille,

dass mir jemand Schlechtes will?

Die Brille,

dass der andere im Unrecht ist und ich Recht habe?

Die Brille,

dass meine Wahrheit DIE Wahrheit ist?

oder 

magst du eine andere - vielleicht neue - Brille anziehen:

Die Brille,

die sieht, dass jeder Mensch sein Bestes gibt und in einem Moment demjenigen nichts besseres zur Verfügung steht.

Die Brille,

dass wir Menschen im Grunde unseres Herzen niemanden etwas böses wollen,

oder 

die Brille,

dass du lieber Verbindung und Kontakt möchtest, anstatt ein auf verschieden Wahrheiten gärenden Konflikt?

oder

die Brille,

dass deine Wahrheit deine ist und die vom anderen einfach anders?

oder

die Brille,

dass du neugierig bist und interessiert am anderen?

oder

die Brille,

ey vielleicht hatte ich vorhin eine andere Brille auf, die mir die Sicht verblendet hat?

Vielleicht hat ich eine

Brille auf,

die nicht geputzt war und ich somit keine klare Sicht hatte?


Du musst gar nichts 

und

du darfst deine Entscheidung treffen, welchen Weg du beschreiten möchtest. 

Es IST deine Entscheidung UND deine Verantwortung.


Ich persönlich mag in Verbindung und  Kontakt mit Menschen kommen und ich mag verstehen, warum jemand "gerade so doof/unangenehm war (=meine Wahrheit)" und

ich mag, dass Menschen mit mir Nachsicht haben, weil ich auch übers Ziel hinausschießen kann, ungehobelt bin oder unfreundlich. Ich bin Mensch. Ich bin menschlich. Ich bemühe mich jeden Tag aufs neue, die anderen Brille aufzusetzen, die meinen Werten und Wünschen entspricht.

Das gelingt mir an manchen Tagen gut, an anderen nicht. Das ist okay. Ich gehe danach auch mal zu dem Menschen und sage: "Du, ich bedaure es gerade, wie ich war, weil ich möchte, dass es mir gut geht und dir gut geht. Ich habe es vorhin nicht geschafft. Das tut mir leid. Wie geht´s dir, wenn du das von mir hörst?"

Gleichzeitig ist es für mich so ein schöner Moment, wenn ich mal "austicke" und mein Gegenüber sagt: "Silvia, dir geht es gerade nicht so gut, gell? Was brauchst du gerade?" oder mich einfach in den Arm nimmt. Eine Wohltat :-).

Ja, so kann Frieden gehen:

Keiner muss perfekt sein und jeder kann beitragen, dass wir wohlwollend miteinander umgehen  und jeder kann neugierig sein und interessiert an den Lebensschuhen des anderen.

Die Welt ist bunt - wir sind bunt - die Vielfalt macht unser Leben bunt.

Dazu auch mein ausgewähltes Bild: bunt, interessant, viele Facetten und trotzdem freundlich.

Ich grüße dich empathisch und herzlich,

Silvia

p.s. wie immer: wenn dir danach ist: schreib mir gerne deine Gedanken zu diesem (oder anderen) Artikeln. Austausch interessiert und inspiriert mich. Außerdem bin ich neugierig auf unser Vielfalt im Menschsein.